Digitalisierung als Beitrag für Chancengleichheit
von Katharina Kloiber / Prokuristin und Gesellschafterin X-Net Services GmbH und WOMENinICT Botschafterin und Nikolaus Dürk / Gesellschafter X-Net Services GmbH

Jede technologische Innovationen ist eine Chance, um einen Wandel herbeizuführen und die globalen Nachhaltigkeitsziele der vereinten Nationen zu erreichen. Wobei es mit der „Chance“ nicht immer ganz so einfach ist. Wo es einen Wandel gibt, bleiben nicht nur Gewinner und Profiteure übrig. In der Schattenseite von Veränderung stehen Menschen, die zurück bleiben (müssen). Aber gerade wenn wir uns die Nachhaltigkeit zum Ziel machen, müssen Prozesse breiter gesehen werden. Digitalisierung ist die Chance, bisherige Arbeitsweisen und Gegebenheiten zu hinterfragen, alle beteiligten Gruppen und sämtliche Randgruppen mit einzubeziehen und nachhaltig positive Veränderung herbeizuführen. Dazu braucht es aber mehr, als analoge Prozesse digital abzubilden und ansonsten in jeder Hinsicht weiterzumachen wie bisher.

Kollektive Intelligenz

Ein positive Veränderung durch Digitalisierung fordert die Beachtung von Diversität und Vielfalt in der Gesellschaft und die Einbindung unterschiedlichen Bedürfnisse verschiedenster Interessensgruppen. Dabei ist aber vor allem die Gestaltung und Entwicklung der digitalen Tools, künstlichen Intelligenzen, digitalisierten Maschinen, IT-Equipment und anderen digitalen Hilfsmitteln gemeint, nicht etwa die Nutzung und Bedienung, die meist im Vordergrund steht.

Um hier nicht einen falschen Eindruck zu erwecken: Auch die Nutzbarkeit und Bedienbarkeit digitaler Systeme ist wesentlich, um Akzeptanz zu schaffen und langfristig Verbesserung einleiten zu können. Aber um wirklich nachhaltig zu sein, muss Digitalisierung die Chancengleichheit fördern, Diversität zulassen und unterstützen und durch kollektive Intelligenz in der Gestaltung und Planung alle Interessensgruppen einbinden.

Ungleichgewicht

Die Digitalisierung hält bereits in allen erdenklichen Bereichen mehr oder weniger stark Einzug und ist gleichzeitig unterschiedlich ausgeprägt. Welche Auswirkungen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) auf unterschiedliche Lebensbereiche und vor allem Chancengleichheit hat, lässt sich schwer festmachen. Studien kommen mitunter zu unterschiedlichen Ergebnissen, wobei die Gestaltung von Digitalisierung und die Nutzung von vorgegebenen digitalen Prozessen immer mal wieder vermischt werden.

Am ehesten lassen sich die Auswirkungen der Digitalisierung am Beispiel der Geschlechterverteilung zeigen. Frauen sind in der IT nach wie vor unterrepräsentiert. Laut IKT-Statusreport sind im Jahr 2021 gerade einmal 28,8 Prozent der Beschäftigten im IKT-Sektor weiblich. Je nach Tätigkeitsfeld innerhalb der Branche zeigt sich oft noch einmal ein ungleicheres Bild der Verteilung.

Auch im Bereich der Nachhaltigkeit gibt es ein ähnliches Bild: Bei so genannten Green Jobs, die einen Beitrag zur Klimaneutralität in Unternehmen oder der Gesellschaft leisten, liegt die Frauenquote laut Studien lediglich bei 23 Prozent.

Es ist nicht notwendig, weiter ins Detail zu gehen. Schon mit diesen wenigen Zahlen zeigt sich, dass die Personengruppe, die Prozesse, Anwendungen und Arbeitsmittel entwirft und umsetzt, nicht mit der Verteilung in der Gesellschaft überein stimmt – egal, um welche Branchen und Themenbereiche es sich handelt. Und in der Praxis zeigt sich: Spezifische Bedürfnisse von Frauen und anderen Randgruppen sind in der Gestaltung der Digitalisierung kaum ein Thema.

Hohes Potential in der Digitalisierung

Ist von Digitalisierung und Nachhaltigkeit die Rede, stehen meist Schlagwörter wie „Effizienter Ressourceneinsatz“, „Optimierung von Abläufen“, „höhere Flexibilität“, „Kreislaufwirtschaft“, aber auch „Energieverbrauch“ und „Elektroschrott“ im Mittelpunkt.

Wenn wir uns als Gesellschaft darauf verlassen, dass Digitalisierung und neue Technologien viele Bereiche unseres täglichen Lebens vereinfachen, mitbestimmen und beeinflussen, muss dann nicht auch die Gesellschaft als solches in der Digitalisierung abgebildet werden? Kann Nachhaltigkeit langfristig nicht nur dann gelingen, wenn alle gleichermaßen in die Gestaltung eingebunden werden? Wer bleibt auf der Strecke, wenn wichtige Werkzeuge und Tools nicht den diversen Bedürfnissen entsprechen?

Digitalisierung kann nicht von heute auf morgen die Welt retten und Technologien sind nicht automatisch „grün“, nur weil sie den Energieverbrauch reduzieren. Wird sie aber richtig umgesetzt, liegt in der digitalen Transformation ein sehr hohes Potential. Doch der Weg dahin darf nicht unterschätzt werden. Prozesse müssen hinterfragt, erweiterte Rahmenbedingungen und Umgebungen einbezogen und alle direkt und indirekt betroffenen Berührungsgruppen angehört werden. Vor allem letzteres erfordert eine intensive Auseinandersetzung, da mehrere Berührungsgruppen gegebenenfalls auch entgegengesetzte Interessen haben.

Am Beispiel der aktuell in den Medien stark vertretenen KI und deren Möglichkeiten in der Generierung von Texten und Bildern wird deutlich, wie sich jahrelang antrainierte Denkmuster in (mitunter gut gemeinten) Anwendungen verfestigen und sogar verstärken. Werden Daten verwendet, die eine Personengruppe (z.B. Frauen) nicht berücksichtigt oder gar benachteiligt, so wird die KI diese erlernten Handlungsmuster fortführen. Der Gender-Data-Gap – also die Ungleichheit in der Datenlage – verfestigt sich.

Digitalisierung ist demnach keineswegs ausschließlich ein technisches Thema. Soziale Fähigkeiten, das Gespür für Zusammenhänge und Bedürfnisse sowie die Gestaltung von Prozessen sind notwendig und Unternehmen können und sollen sich einsetzen, dass diese Skills bereits in Unterstufen gelehrt werden und das technisches Grundverständnis aufgebaut wird. Digitalisierung geht uns alle an und betrifft uns alle, die entsprechende Ausbildung wird für viele Jobs essenziell, um damit richtig umgehen zu können.

Die Chance der Diversität

Sowohl in der Datengrundlage als auch in der Zusammensetzung von (Entwicklungs-)Teams braucht es eine größere Diversität. Das Zusammenspiel unterschiedlicher demographischer und persönlicher Merkmale wie Geschlecht, Alter, Bildung und Erfahrung ermöglicht die Generierung von nachhaltigen Lösungen. Allein das Bewusstsein dazu birgt eine riesige Chance, die es zu nutzen gilt. Das stille Kämmerlein, in der Ideen geschmiedet und abgeschottet realisiert werden, hat ausgedient. Je früher Zusammenhänge und Vor- bzw. Nachteile der Digitalisierung in Schulen gelehrt werden, desto eher steigt das Interesse daran, hier mitzugestalten. Je offener und breiter ein Diskurs und schlussendlich die digitale Lösung angesetzt werden, desto mehr Gruppen und Personen werden einbezogen. Verbesserungen und Weiterentwicklungen werden möglich, Dienstleister aus unterschiedlichen Bereichen und mit diversem Fokus können sich anhängen und die Vielfalt weiter unterstützen. Erst dann kann mit gutem Gewissen von Digitalisierung und Nachhaltigkeit in einem Satz gesprochen werden.

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